Die Sanierung des Lessingtheaters Wolfenbüttel

Die Bauherrenaufgabe zwischen baulicher Realität und öffentlichem Anspruch

von Ivica Lukanic

Schön soll es werden, nur nicht all zu teuer, funktional und dennoch denkmalgerecht Saniert, geräumig aber im Bestand. Wie Antonyme bilden die Aussagen diametral entgegengesetzte Interessen ab. Sie bilden die Wände des engen Korridors den der Bauherr bei der Umsetzung seiner Bauaufgabe durchschreitet und an dessen Ende, nachdem er ihn verlässt, gelegentlich von den Schulterpolstern, die er beim Eintritt in den Korridor trug wenig übrig geblieben ist. Was sind die Aufgaben des Bauherrn?

Zuerst einmal verfügt er über die Mittel die Bauaufgabe umzusetzen. Im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten verfolgt er das Ziel die Bauaufgabe nach seinen funktionellen Bedürfnissen wirtschaftlich und mit dem Anspruch an höchste Güte und Qualität zu beenden. Hierin unterscheidet sich der öffentliche Bauherr nicht vom privaten Eigentumsbildner oder dem Großunternehmen mit seiner neuen Fertigungsstraße.

Beim Lessing-Theater stand für den Bauherrn, die Stadt Wolfenbüttel, Ende 2010 fest, er würde mit dem eingesetzten Team seine Ziele nicht verwirklichen können. Das Planungsteam wurde zum Jahreswechsel 2010/2011 neu aufgestellt und die sich abzeichnenden Planungsmängel bis Dezember 2011 aufgearbeitet. Das ganze geschah in etwa wie die Druckbetankung eines Rennwagens bei laufendem Motor mit allen Risiken für den Ausgang des Rennens. Die beteiligten befragt würden sicher antworten sie hätten sich so oder so ähnlich wie bei einem Rennen gefühlt als im vergangenen Jahr gleichzeitig der ungehinderte Baubetrieb aufrecht erhalten werden musste und umfassende Planungsanpassungen, bei gleichzeitiger Erfüllung auseinanderstrebender Interessen, erfolgten.

In privatwirtschaftlichen Bauaufgaben treten Nutzer und Bauherr regelmäßig in Personalunion auf. Bei öffentlichen Bauaufgaben baut der Bildungsträger für Lehrer/innen und Schüler, der Erziehungsträger für Erzieher/innen und Kinder und hier die Stadt für Kulturschaffende und Kulturgänger. Dieser auf den ersten Anschein homogen wahrgenommene Adressatenkreis der Theatersanierung drückt aus wie viel schwieriger der Interessenausgleich durch die Bauherrenschaft nicht mehr sein kann. Während der wirtschaftliche Theaterbetrieb von der Sitzplatzzahl mittelbar und unmittelbar von der Anzahl der verkauften Karten abhängt fordert der Theaterbesucher ein Höchstmaß an Komfort und wünscht einen breiten Sitz. Zwei Zentimeter unterschied der Sitzplatzbreite führen bei einer Anzahl von ca. 25 Sitzen je Reihe zu einer Gesamtbreite von 50 cm, die bei einem Verlust eines Sitzplatzes je Sitzplatzreihe zu einem Verlust von ca. 40 Sitzplätzen im gesamten Theater führt. Der wirtschaftliche Gesamterfolg des Theaterbetriebes setzt der Sitzplatzbreite grenzen.

Kerngeschäft öffentlicher Bauherren ist der abwägende Ausgleich der Belange im Spannungsfeld zwischen Qualitäten, Mengen, Kosten und Terminen eines Bauprojekts. Neben den Nutzerinteressen sind dies insbesondere die öffentlichen Belange, die sich in unzähligen Vorschriften und Normen ausdrücken, die dem Bauherrn Entscheidungen abverlangen. Zu berücksichtigen sind u.a. Brandschutzvorschriften, die Denkmalpflege, bauordnungsrechtliche Aspekte, Verordnungen wie die Versammlungsstättenverordnung und insbesondere das Vergaberecht und Verdingungswesen.

Vorschriften sind in der Regel abstrakt-genereller Natur und regeln nicht den konkreten Einzelfall der Theatersanierung und so ringen auch sie gegeneinander um ihren Ausdruck im gebauten Werk. Beim Lessing-Theater bestanden im Erdgeschoss südlich und nördlich jeweils drei achtzig Zentimeter breite Zugänge zum Saal, die aus denkmalpflegerischer Sicht von Bedeutung und erhaltenswert waren. Die Versammlungsstättenverordnung fordert für eine ausreichende Fluchtwegsbreite mindestens ein Meter breite Öffnungen. Hinzu trat, dass die Höhenlage der Zugänge zum Saal im Bestand mit der Änderung der Höhenlage der Zugangspodeste des abfallenden Gestühls im Saal nicht angepasst werden konnte, weshalb in diesem Fall das denkmalpflegerische Interesse hinter die Anforderungen des Brandschutzes treten musste. Die ursprüngliche Bemalung der Wandelgänge dagegen wurde durch die Bauherrenschaft ganz im Sinne der Denkmalpflege umgesetzt. An der Umsetzung der Schablonenmalerei zerrten auf der einen Seite Gestaltungswille und auf der anderen der Denkmalschutz mit nennenswertem Einsatz von Zuwendungsmitteln der Landesdenkmalpflege.

Hinter den Kulissen des vordergründigen Baugeschehens, abseits des offensichtlichen Baufortschritts und der interessierten Öffentlichkeit findet das entzaubernde Kerngeschäft des Bauherrn statt. Es birgt zugleich das größte Konfliktpotenzial. Im Verhältnis des Bauherrn zu den bauausführenden Auftragnehmern werden Bauaufträge mit beachtlichen Beträgen geschlossen.
Bereits die Vergabe der Bauaufträge unterliegt daher strengen Anforderungen. Das seit den neunzehnzwanziger Jahren vom „Deutschen Verdingungsausschuss für Bauleitungen“ stets fortentwickelte und mit europäischem Recht harmonisierte Vergabewesen dient der Korruptionsprävention, soll die Gleichbehandlung der Bieter im Wettbewerb, durch Diskriminierungsverbot und die Transparenz der Vergabe von Bauaufträgen sicherstellen.

Der erforderliche bürokratische Aufwand fordert vom öffentlichen Bauherrn bzw. seiner Verwaltung ein hohes Maß an innerer Ordnung, Effizienz und Professionalität. Während die Vergabeordnungen den Bauherrn in die Lage versetzt im chancengleichen Wettbewerb das wirtschaftlichste Angebot zu beauftragen sichert sie zugleich die wirtschaftliche Umsetzung des Bauauftrags durch den Auftragnehmer. Dessen Unternehmen darf durch den öffentlichen Bauauftrag nicht in Schieflage geraten. Die Verwaltung als Vertreterin der Bauherrenschaft steht somit im Focus zweier Brennpunkte, dem des sorgsamen Umgangs mit öffentlichen Finanzmitteln und dem des dicht geregelten Anspruchs Ihrer Auftragnehmer.

In nur wenigen Jahren haben die wachsende Effizienz der Rechtsprechung, der Strukturwandel in der Bauwirtschaft, der allgemeine Zugewinn an Kenntnissen im Vergabewesen und die durch neue Informationstechniken beschleunigte Kommunikation zu einem Aufgabenzuwachs für den Bauherrn bei der Abwicklung von Großprojekten geführt.

Wenn auch die Bauaufgabe gelöst und das Lessing-Theater Anfang 2013 fertiggestellt sein wird, das Interessenkonzert im Ohr und die Ansprüche vor Augen ist es kaum möglich allen Belangen gerecht zu werden. Daher verdienen die Mitarbeiter in den ausführenden Verwaltungen in den Rechnungsprüfungsämtern und auf den Baustellen öffentlicher Auftraggeber Land auf Land ab höchste Anerkennung für Ihre Leistungen.

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