Lumpenbüttel oder Lessingstadt

Wolfenbüttel ist eine schöne Stadt des Geistes und der Langeweile

Artikel Ausgabe der Zeit vom 16.03.1984
Von Manfred Eichel

Wer mich sieht, der macht mir ein Kompliment wegen meines gesunden Aussehens, und ich möchte dieses Kompliment lieber immer mit einer Ohrfeige beantworten.“ Gotthold Ephraim Lessing schrieb dieses Bekenntnis 1772 an seine spätere Frau. Damals war er bereits zwei Jahre lang Bibliothekar in Wolfenbüttel gewesen. Hier war ihm „das ganze Leben so ekel“, ihn langweilte die „trockene Bibliotheksarbeit“, bei der ihm „der Bücherstaub immer mehr und mehr auf die Nerven“ fiel und die er „ohne die geringste Anstrengung des Geistes so recht hübsch hinschreiben“ konnte. Noch später beobachtete er an sich sogar, daß er in Wolfenbüttel „viel trockener und stumpfer an Geist und Sinnen geworden“ sei.
Trotzdem: In Wolfenbüttel, das sich seit langem gerne „Lessingstadt“ nennt, blieb Lessing elf Jahre lang. Bis zu seinem Tod. Und er war in dieser Zeit nicht nur ein vorzüglicher Bibliothekar, sondern – zuweilen zumindest – auch ein produktiver Autor. In Wolfenbüttel schrieb er die Dramen „Emilia Galotti“ und „Nathan der Weise“.
Daß sich Lessing in Wolfenbüttel meistens so unwohl fühlte, ist verständlich. Die Stadt war zu einem langweiligen „Lumpenbüttel“ verkommen, nachdem der zuletzt sehr glanzvolle Hof der „Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg“, die über dreihundert Jahre lang in Wolfenbüttel residiert hatten, wieder nach Braunschweig zurückverlegt worden war.
Das war 1753. Die Einwohnerschaft sank danach von 12 000 auf 6000 Bürger. Das Schloß gammelte vor sich hin. Einziger Bewohner von 1770 bis 1776 – Lessing, dem die Wolfenbütteler herzlich uninteressant waren: „Denn den Umgang, welchen ich haben könnte, den mag ich nicht haben.“ Seinen Umgang suchte und fand er im zwölf Kilometer entfernten Braunschweig.
Das machen viele Wolfenbütteler heute noch so. Im sechsmal größeren Braunschweig ist einfach mehr los als im verträumten Wolfenbüttel (51 000 Einwohner), wo es abends schon ab zehn Uhr in den Kneipen leer wird. Stadtdirektor Helmut Riban weiß von dieser „Sogwirkung Braunschweigs“, die ihn aber nicht stört, weil sie Wolfenbüttel entlastet – zumal er meint: „Jeder anständige Braunschweiger, der was auf sich hält, wohnt doch in Wolfenbüttel.“
Das liegt daran, daß Wolfenbüttel – bevor die Dunkelheit hereinbricht – eine faszinierende Stadt ist. Ihr Kern ist von einem Flüßchen (der Oker) und einem Teich (dem Stadtgraben) idyllisch umschlossen. Nur zwei hohe Steintürme (des Schlosses und der Hauptkirche) überragen die auf flachem Gelände erbaute Stadt, die voller wunderschöner, intakter Fachwerkhäuser und malerischer Winkel ist.
Grachten in Klein-Venedig

Einer heißt „Klein-Venedig“. Das ist ein Überbleibsel der Grachten, die früher mal die Stadt durchzogen, als ein Herzog die Oker schiffbar und Wolfenbüttel zur Hafenstadt machen wollte. Einige der „Klein-Venedig“-Häuser haben Holzterrassen, die dicht über dem Wasser der Gracht schweben. Auf manchen dieser Bretterböden stehen Zäune oder wackelige Geländer mit Blumenkästen oder wehender Wäsche.
Nur wenige Schritte von solchen pittoresken Postkarten-Ansichten entfernt liegen in Wolfenbüttel andere: die winkeligen Kramerstuben mit ihren Arkaden etwa oder der Stadtmarkt, ein von allen Seiten umbauter Platz, an dem auch das Rathaus liegt. Wer das Gebäude nicht kennt, wird es hier nicht vermuten, weil es nicht größer, nicht pompöser als die anderen Fachwerkhäuser drumherum ist. Wolfenbüttel ist eben als Residenzstadt entstanden, deren wichtigstes Gebäude, deren Bezugspunkt von jeher das Schloß war – nicht die Bürgervertretung.
1283 erbaute hier der Welfenherzog Heinrich der Wunderliche eine Wasserburg, nachdem sein Ahne, Heinrich der Löwe, eine andere, die an dieser Stelle gestanden und die schon Wolferisbutle hieß, zerstört hatte. Offensichtlich ist sie mal von einem Wulfer zu einem Büttel, das heißt zu einem Gehöft, einer Siedlung ausgebaut worden.
Die einstige Wasserburg erhielt erst 1714 ihr heutiges Aussehen. Damals wurde eine einheitliche barocke Fachwerkfassade um fünf sehr unterschiedliche Gebäude herum gebaut. Nur bei genauem Hinsehen kann man erkennen, daß das Schloß kein massiver Steinbau ist wie das schräg gegenüberliegende wuchtige Zeughaus oder wie die Kanzlei oder wie die imposante Hauptkirche – alles Gebäude, die gegen 1600 entstanden. Die Stadt ist ein einzigartiges Museum niedersächsischer Renaissance-Architektur. Vor 400 Jahren wurde sie von Fürsten entworfen, die Stadtplanung sehr konsequent betrieben hatten: die abreißen ließen, was ihr Vorhaben störte, vier relativ breite, gerade Straßen fächerförmig auf den Schloßbezirk zulaufen zu lassen.
Und weil die Häuser gleiche Stockwerks- und Dachhöhen haben mußten, entstanden sehr harmonische Straßenzüge: die Reichs- und die Kanzleistraße mit den großzügigen Hofbeamtenhäusern, die Harz- und die Lange Herzogstraße mit überwiegend bescheideneren Bürgerhäusern. Aber eines charakterisiert alle 500 Fachwerkhäuser Wolfenbüttels (bis auf eine Ausnahme): Sie stehen mit ihrer Breitseite zur Straße.
Daß Wolfenbüttel sein einheitliches Straßen- und Stadtbild so lange relativ unverfälscht erhalten konnte, ist nicht nur damit zu erklären, daß hier keine Bomben fielen, sondern auch damit, daß der Hof vor 230 Jahren die Stadt verließ und viele der unternehmungslustigsten Bürger mitnahm. Die Stadt sank in einen Dornröschenschlaf, aus dem sie erst nach 1945 etwas erwachte.
Seither ist in Wolfenbüttel einiges abgerissen worden. Zwischen den beiden prächtigsten Kirchen der Stadt wurde ein häßlicher Komplex der Norddeutschen Landesbank errichtet, und zwischen dem Schloßbezirk und der Altstadt setzte der Karstadt-Konzern einen Kaufhausklotz hin.
So etwas wie Karstadt wird den Wolfenbüttelern wohl nicht mehr beschert werden. Dafür sorgt jetzt sehr wachsam und informationsmunter eine „Aktionsgemeinschaft Altstadt Wolfenbüttel“. Sie hatte sich damals während des nicht mehr aufzuhaltenden Karstadt-Desasters formiert und zählt heute 300 Mitglieder.
Eine „Unabhängige Wählergemeinschaft“ (UWG) erreichte bei den letzten Kommunalwahlen vor zwei Jahren auf Anhieb über acht Prozent der Stimmen, weil sie versprochen hatte, gegen eine weitere Verschandelung ihrer Stadt zu kämpfen.
So steigt der Wohnwert in dieser manchmal märchenhaften Stadt ständig: Ermuntert durch die Aktionsgemeinschaft, die Geranienkästen an Hausbesitzer als Lob für schöne Renovierungen verschenkt, und finanziell unterstützt durch die Stadt, die bis zur Hälfte der Sanierungskosten übernimmt, wenn der Hausbesitzer mit seiner Quadratmeter-Miete unter sechs Mark bleibt.
Trotzdem verfallen in Wolfenbüttel ehemals prächtige alte Fachwerkhäuser. Stadtrechtsrat Jürgen Poeschel weiß warum: „Manche dieser Sanierungen kosten fast eine Million. Deshalb stehen solche Häuser oft jahrelang zum Verkauf. Für relativ wenig Geld. Dennoch findet sich kein Käufer. Immerhin sind seit 1978 rund 27 Millionen Mark für die Wiederherstellung von etwa hundert Häusern aufgewendet worden. Das ist ein Fünftel des historischen Baubestands.
Angst vor toten Augen

Gegenwärtig beobachten die Stadtväter mit gemischten Gefühlen ein Sanierungsprogramm, das schräg gegenüber vom Rathaus abläuft. Da sind drei besonders schöne alte Fachwerkhäuser abgerissen worden. Von einem Bauunternehmer aus Salzgitter, der keine städtischen Sanierungsgelder haben, weil er sich in den Wiederaufbau auch nicht reinreden lassen wollte. Er hat alle alten Balken numerieren lassen und versprochen, sie wieder so zusammenzusetzen, daß sich das alte Bild ergibt.
Nur: Das haben vor einigen Jahren auch schon Bauherren versprochen und auf eine sehr merkwürdige Art gehalten. Sie haben eines der ansehnlichsten Hofbeamtenhäuser abgerissen und an der Stelle ein supermodernes AOK-Haus hingesetzt, das sie mit einer dunklen Glasfront zur Straße hin abschlössen. Dann setzten sie die alte Fachwerkfront etwa einen halben Meter davor: mit weißen Kunststoffplatten zwischen den schwarzen Balken und dunklen Löchern dort, wo ehemals die Fensterscheiben waren. Schnell war dafür ein Name gefunden: „Die toten Augen von Wolfenbüttel.“
Hundert Meter weiter steht ein Haus, an dessen Dachschwelle der Bauherr vor über dreihundert Jahren rätselhafte Buchstaben anbringen ließ: WBADSMVLRL. Aufgeschlüsselt ergibt das einen noch heute passenden Spruch: „Wer baut an den Straßen, muß viel Leute reden lassen.“
Das galt immer auch schon für Wolfenbüttel, obwohl damals nur einer das Sagen hatte: der absolutistisch regierende Herzog von Braunschweig, den die selbstbewußten Braunschweiger Hanseaten immer wieder aus ihrer Stadt geworfen hatten, bis er es leid war und sich 1432 nach Wolfenbüttel zurückzog. Die Wasserburg wurde ausgebaut – vor allem, um sich vor den Braunschweigern zu schützen, die sich daran störten, daß sich die Noblen auch noch in Wolfenbüttel unbeirrt „Herzöge von Braunschweig“ nannten.
Als der katholische Herzog Heinrich der Jüngere, der von Luther „Hans Worst“ genannt wurde, 1542 von protestantischen Standesgenossen aus Wolfenbüttel vertrieben wurde, machten die Braunschweiger begeistert bei des Herzogs Feinden mit. Die Leiche seiner Frau warfen sie sogar den Schweinen vor.
Den Herzog wird das nicht sehr getroffen haben, da er sich schon längst zu einer Hofdame hingezogen fühlte, mit der er viele Kinder hatte und die er immer wieder heimlich besuchte – nachdem sie offiziell schon längst tot war: Der Herzog hatte die Scheinbeerdigung seiner Geliebten inszeniert, um vor seiner Ehefrau Ruhe zu haben. Nach den Reformationskriegen kehrte der vertriebene „wilde Heinrich“ zurück und machte aus dem 142-Einwohner-Örtchen eine richtige Stadt.
Sein Sohn Julius, ein Protestant, ließ Wolfenbüttel so anlegen, wie es heute noch aussieht. Das war gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Als Kind war er vom Tisch gefallen und hatte seither verkrüppelte Füße. Auch sonst schien er äußerlich nicht sehr attraktiv gewesen zu sein: Ein Besucher schilderte ihn als ein „Ungeheuer, einem Affen ähnlicher als einem Fürsten In Wirklichkeit war Julius fromm und freigiebig und darüber hinaus ein kluger Finanz- und Handelsmann.
Dem zupackenden Julius folgte sein Sohn Heinrich Julius auf den Thron, ein gebildeter Mann, der in Wolfenbüttel die erste feste Theatergruppe Deutschlands (1592) und die erste periodisch erscheinende deutsche Zeitung, den Aviso (1609), gründete. Er machte Wolfenbüttel zur ersten deutschen Garnisonstadt (1589).
Der nächste bedeutende braunschweig-lüneburgische Herzog war August der Jüngere. Ihm verdankt die Stadt die Bibliothek, die schon damals als achtes Weltwunder galt und die noch heute den weltweiten Ruf Wolfenbüttels in Gelehrtenkreisen begründet.
Herzog August setzten die Wolfenbütteler auf ihrem Stadtmarkt ein Denkmal („Der Büchernarr als Jäger“) als Dank für die Buchschätze, die er vor mehr als dreihundert Jahren zur umfangreichsten und vielseitigsten Bibliothek zusammengetra-
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gen hatte, die es damals in Europa gab. Mittlerweile sind die Bestände auf über 630 000 Bände angewachsen. Die Bibliothek zählt 12 000 Handschriften und 5000 Inkunabeln, das sind frühe Drucke aus den Jahren 1450 bis 1500.
Doch in dieser Bibliothek, der „Gelehrten-Republik“, wird nicht nur verwahrt und geforscht, hier ist ein geistiges Zentrum entstanden, mit Symposien, Seminaren, Ausstellungen und Konzerten.
Kurioserweise sehen die Kulturpolitiker im Rathaus die Aktivitäten ihrer Bibliothek nicht ganz neidlos. Denn die Bibliothek ist keine Stadtbücherei. Sie wird vom Land Niedersachsen unterhalten und vom Volkswagenwerk großzügig unterstützt. Vielleicht empfinden manche Stadtväter sie deshalb als „Konkurrenz“ zum städtischen „Kulturbund“, dessen Programm schnell abgehandelt ist: Im „Lessingtheater“, das lange schon kein eigenes Ensemble mehr hat, treten in dieser Spielzeit 25 Wanderbühnen auf. Ferner gibt es Theatergespräche, Lesungen lokaler Autoren und „Schloßkonzerte“. Trotzdem: Prominente Bürger sprechen von einem „Klima geistigen Fellachentums“ in Wolfenbüttel.
Dazu paßt, daß es keine einzige Galerie für Moderne Kunst gibt und daß die Ausstellungen, die der sehr rührige Kunstverein „Galerie und Werkstatt“ organisiert, zumindest in den letzten drei Jahren nie von einem der 43 Wolfenbütteler Ratsherren besucht worden sind.
Bezeichnenderweise ist nicht die Stadt Wolfenbüttel der größte Mäzen des Kunstvereins (sie spendiert jährlich 1000 Mark), sondern eine alte Dame namens Ursula Schünemann. Ihr gehört das Haus, in dem der Kunstverein seit 1975 drei Räume mietfrei benutzt.
Kulturelles Engagement steht in Wolfenbüttel sehr viel weniger noch im Kurs als sportliches. Fast jeder dritte ist Mitglied eines Sportvereins. Über Wolfenbüttel hinaus bekannt ist der MTV, eine der zehn besten deutschen Basketball-Mannschaften.
Früher nannte man den Sportklub „MT-Jägermeister“ – nach einem Likör, der in Wolfenbüttel von einem Sportfan hergestellt wird, der den Klub jahrelang gesponsert hat. Als Gegenleistung warben natürlich die Sportler für ihren Gönner und seinen Alkohol.
Wolfenbüttel hat eine glücklicherweise recht durchwachsene Wirtschaftsstruktur – im Gegensatz zum nur 40 Kilometer entfernten VW-Wolfsburg, mit dem das 800 Jahre ältere Wolfenbüttel zum Kummer der Wolfenbütteler immer wieder verwechselt wird. Die größten Arbeitgeber im Ort sind heute Firmen, die Landmaschinen, Pflanzenschutzmittel und eben das Getränk „Jägermeister“ herstellen.
Weshalb sich Stadtdirektor Riban bei der Frage lieber raushalten möchte, wer für die Stadt wichtiger sei: die Schnapsfabrik oder die Bibliothek. Eines jedenfalls weiß er sicher: „Wolfenbüttel ist die heimliche Hauptstadt Niedersachsens. Deshalb lädt die Landesregierung immer häufiger zu Empfängen ins Wolfenbütteler Schloß. Denn die in Hannover haben doch keine Residenz.“

Quelle: Zeit 16.03.1984 mit Zustimmung des Autors veröffentlicht

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Tagung Städtebau & Recht

Städtebau & Recht

20120926-091149.jpgVergangenen Freitag wurde die BauGB Novelle im Bundesrat beraten. In Kürze wird die Stellungnahme vorgelegt. Neben weiteren Änderungen steht die Klimawende im Zentrum der Novelle und ist Gegenstand der diese Woche in Berlin stattfindenden Tagung Städtebau & Recht des Instituts für Städtebau.
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